Kena: Bridge of Spirits wirkt auf den ersten Blick wie ein Pixar-Film – charmant, farbenfroh und voller Magie. Doch hinter der hübschen Fassade verbirgt sich weit mehr: ein emotionales Abenteuer über Verlust, Verantwortung und das Loslassen. Entwickelt vom Indie-Studio Ember Lab, das zuvor eher für animierte Kurzfilme bekannt war, wagt sich Kena mutig in das Terrain der Action-Adventures – und präsentiert dabei ein Debüt, das gleichermaßen technisch beeindruckt und atmosphärisch berührt.
Als junge Geisterführerin Kena reist man durch eine verwunschene Welt, die von alten Tragödien und verlorenen Seelen durchzogen ist. Unterstützt von den knuffigen „Rott“ – kleinen, helfenden Wesen – stellt sich Kena dunklen Mächten, löst Umgebungsrätsel und entfaltet nach und nach die Geschichten derer, die sie erlösen möchte. Das Spiel verbindet klassische Gameplay-Elemente wie Kämpfe, Erkundung und Upgrades mit einer intensiven visuellen und musikalischen Präsentation.
Doch kann Kena: Bridge of Spirits mehr als nur schön aussehen? In diesem Review werfe ich einen genaueren Blick auf das Spielgefühl, das Kampfsystem, die Erzählung und die emotionale Tiefe – und prüfen, ob Ember Labs Erstling auch spielerisch so überzeugt, wie er inszenatorisch glänzt.
Gameplay
Wer Trailer oder Screenshots von Kena: Bridge of Spirits gesehen hat, stellt sich unweigerlich die Frage: Sieht das nur gut aus – oder macht es auch Spaß? Die kurze Antwort: Ja*. Denn auch wenn die Inszenierung filmreif ist, handelt es sich letztlich um ein Action-Adventure mit soliden Rätsel- und Plattforming-Elementen, die gut in eine klassische Gameplay-Formel eingebettet sind.
Zu Beginn kämpfen wir mit einem Stab im Nahkampf, später kommen Bogen und klebrige Bomben hinzu. Stärkere Gegner haben Schwachstellen, fliegende Feinde erfordern präzise Schüsse, und Bosse verlangen das Erlernen ihrer Angriffsmuster. Ausweichrollen und Paraden gehören zum Repertoire – Letztere leiden allerdings unter schwer lesbarem Timing. Der normale Schwierigkeitsgrad ist fordernd, aber fair, sofern man früh in den eher simplen Skilltree investiert. Ich selbst habe das erst zur Hälfte des Spiels getan – und musste die neuen Tastenkombinationen dann unter Bossdruck mühsam verinnerlichen.
Das Plattforming ist präzise, aber nie zu schwer. Die Erkundung hingegen belohnt konsequent: Jeder Sieg lässt die Welt aufblühen, kleine Belohnungen locken abseits der Pfade. Highlight sind die „Rot“ – putzige Helfer, die erst nach gefülltem „Mut-Meter“ im Kampf aktiv werden. Das ist charmant gelöst, auch wenn sich das gesamte Spiel nie ganz so direkt oder präzise anfühlt, wie es sollte. Trotzdem bleibt der Spielspaß erhalten.
7,7*
Visuals
Kena wird oft auf seine Optik reduziert – und das nicht ohne Grund. Visuell sticht das Spiel deutlich hervor. Auch wenn ich persönlich kein großer Fan des typischen Pixar-Stils bin, muss man anerkennen: Die Charaktere sind ausdrucksstark, Kena selbst ist gelungen designt, und die Spielwelt hat einen regelrechten Glanz.
Dominiert wird die Atmosphäre von satten Grün- und Blautönen. Wir bewegen uns meist durch schattige Wälder, Höhlen und alte Ruinen – das Setting ist nicht übermäßig abwechslungsreich, aber stilistisch in sich stimmig und visuell hervorragend umgesetzt. Besonders das Wasser überzeugt mit beeindruckender Klarheit und Spiegelung.
Ein Highlight sind die leuchtenden, blauen Kristalle, deren Licht wir mit einer Fähigkeit aktivieren können. Wie eine Schallwelle breitet sich das Leuchten in der Umgebung aus, reagiert mit Objekten und verändert die Szenerie. Dieser Effekt ist nicht nur technisch sauber, sondern visuell äußerst wirkungsvoll – hier merkt man, dass Ember Lab seine Wurzeln in der Animation hat.
Insgesamt schafft Kena: Bridge of Spirits eine märchenhafte Welt, die zwar klein im Maßstab, aber groß in Atmosphäre ist – und optisch Maßstäbe für ein Indie-Debüt setzt.
9,1*
Atmosphäre
n Sachen Atmosphäre macht Kena: Bridge of Spirits vieles richtig – schöpft sein Potenzial aber nicht vollständig aus. Der stimmige Artstyle in Kombination mit durchdachtem Lighting erzeugt gemeinsam mit den dynamischen Elementen der Spielwelt eine dichte, märchenhafte Stimmung. Visuell trägt das Spiel hier die meiste Last – und das mit Bravour.
Die Musik ist solide: unaufdringlich, funktional, gelegentlich stimmungsvoll. Besonders das Thema des zentralen Dorfes in der Hub-Region bleibt positiv in Erinnerung. Auch die Bosskämpfe sind musikalisch passend unterlegt, allerdings bleiben die meisten Tracks nicht im Gedächtnis – es ist eher Begleitung als Wiedererkennungswert.
Was der Atmosphäre am meisten schadet, ist die schwache Erzählung. Die Handlung bleibt oberflächlich, die emotionalen Momente zünden nur selten. Dabei wären die Grundlagen da: Die Synchronsprecher liefern starke Leistungen, kommen aber nur punktuell zum Einsatz. Vor allem Kena selbst bleibt als Figur erstaunlich blass – eine verschenkte Chance, der Geschichte mehr Tiefe und Gewicht zu geben.
So bleibt die Atmosphäre zwar insgesamt angenehm und stimmungsvoll, aber mit spürbaren Leerstellen – besonders dort, wo narrative Stärke das visuelle Fundament hätte ergänzen können.
7,9*
Story
Ich schreibe dieses Review vier Tage nach dem Abspann – und trotzdem fällt es mir schwer, die Geschichte von Kena über ein paar oberflächliche Motive hinaus zusammenzufassen. Kena ist eine Spirit Guide, also jemand, der Seelen hilft, ihren Frieden zu finden und ins Jenseits überzutreten. Soweit, so gut.
Wir landen in einem Dorf am Fuß eines mystischen Berges, auf dem einst ein göttliches Wesen lebte, das seine Kraft verloren hat. Die Welt drumherum ist von Verderbnis befallen, Monster treiben ihr Unwesen – klassisches Set-up. Der große Widersacher ist Toshi, ein Samurai mit dunklem Blick und unklaren Motiven. Im Laufe der Handlung erfahren wir, dass er sich gegen den göttlich vorgegebenen Kreislauf von Leben und Tod gestellt hat – was letztlich das Chaos ausgelöst hat.
Unterwegs begegnen wir ein paar NPCs, die kurz Hoffnung auf emotionale Tiefe machen – nur um dann zu schnell wieder zu verschwinden. Es gibt Momente, die andeuten, was möglich gewesen wäre, aber vieles bleibt an der Oberfläche. Kena selbst? Wäre eigentlich eine spannende Figur, aber auch bei ihr kratzt die Story nur am Potenzial.
Unterm Strich: nett erzählt, schöne Ansätze – aber emotional leider ziemlich dünn.
6,2*
Umfang
ena: Bridge of Spirits ist kein 40-Stunden-Epos – und das ist auch gut so. Selbst wenn man ein bisschen abseits des Hauptpfads unterwegs ist, optionale Ecken erkundet und gelegentlich in bereits besuchte Gebiete zurückkehrt, ist man nach etwa 10–12 Stunden durch. Für ein Spiel dieser Art ist das eine sehr angenehme Länge.
Gerade in Verbindung mit dem oft sehr fairen Preis (unter 20 € im Sale keine Seltenheit) fühlt sich der Umfang absolut stimmig an. Das Spiel weiß, wann Schluss ist – bevor sich Mechaniken abnutzen oder das Pacing leidet. Würde man daraus ein 60-Stunden-Spiel machen, würde das Gameplay so, wie es ist, vermutlich nicht tragen. Aber so bleibt alles kompakt, rund und ohne unnötige Längen.
8,5*
Bonus
Wenn man bedenkt, dass Kena: Bridge of Spirits das Erstlingswerk eines kleinen Animationsstudios ist, muss man einfach den Hut ziehen. Ember Lab liefert hier ein Debüt ab, das sich problemlos mit AA-Genregrößen messen kann – und in manchen Momenten sogar kurz an die ganz Großen heranreicht.
Zuvor war das Studio vor allem durch den YouTube-Kurzfilm Terrible Fate bekannt, eine beeindruckende Hommage an The Legend of Zelda: Majora’s Mask. Dass sie aus dieser Fanliebe ein eigenes Spiel auf die Beine gestellt haben, das technisch sauber, visuell atemberaubend und spielerisch solide ist, ist eine echte Leistung.
Leider hört man aktuell nichts von einem neuen Projekt bei Ember Lab – was schade ist, denn Kena zeigt eindeutig, dass hier viel Potenzial schlummert. Wenn irgendwo eine Ankündigung auftaucht, bin ich auf jeden Fall wieder neugierig dabei.
7,7*
